Im Gespräch mit Besim Mazhiqi

Moin Moin Besim. Wie würdest du dich einer fremden Person in drei Sätzen vorstellen?

Hi, ich bin Besim. (Hier folgt normalerweise ein Frage-Antwort-Spiel, bei dem zuerst noch mal nach dem Namen gefragt wird, ich ihn noch deutlicher als beim ersten Mal ausspreche, dann wieder gefragt wird, ich die schnelle Variante (Bsm) versuche, die aber oft auch nicht klappt, dann wieder nachgefragt wird, ich die Vokale besonders betone, dann wieder gefragt wird… und so weiter. Eigentlich komme ich nie zu einem zweiten Satz, oder sogar zu einem dritten. Deswegen kürze ich die übliche Geschichte hier mal ab)  Ja, ein schwieriger Name. (er zwinkert mit dem Auge)
Ich weiß. (er lacht)

Du bloggst zusammen mit Steffen Göthling auf Lens-Flare.de. Das ist aber nicht dein Vollzeitjob. Womit verdienst du die Brötchen für dich und deine Familie?

Ich blogge mit Steffen, stimmt. Auch wenn das viel Spaß macht, bringt es doch nur lauwarme Brötchen auf den Tisch. Die heißen Brötchen verdiene ich als Fotograf und Journalist. Lange Zeit habe ich mich als freier Mitarbeiter für diverse Redaktionen durchgeschlagen. Irgendwann wurden Magazine auf meine Arbeit aufmerksam, dann namhafte Unternehmen. Inzwischen bin ich fest bei einer Lokalzeitung angestellt. Die Veränderung passte perfekt zu privaten Umstellungen. Ich bin ja Papa geworden, wie du weißt.

Ja, vom Bloggen leben können in Deutschland ja doch eher sehr wenige. Hast du schon von Kind an den Wunsch gehabt Fotograf zu werden und hast du eine Ausbildung oder Studium im Fotobereich gemacht?

Ich habe Sprachwissenschaften und Philosophie studiert, hatte lange Zeit also gar nichts mit der Fotografie am Hut. Dann kam meine Zeit in New York. Das war vor fast genau zehn Jahren. Zwei Monate wollte ich mich im Big Apple rumtreiben. Da durfte ein Fotoapparat nicht fehlen. Meine Tante hatte eine Spiegelreflex, eine von Canon. Welche, weiß ich nicht mehr. Bereits zu Hause deckte ich mich mit Schwarzweiß-Filmen ein. Ilford, quer durch die Bank. Während des zehnstündigen Flugs an die Ostküste studierte ich die Bedienungsanleitung. Als wir landeten, legte ich los. Manhattan hat es mit einfach gemacht: An jeder Ecke sprangen mir Motive vor die Kamera. Und Menschen. Mit einigen von ihnen bin ich noch heute befreundet. Auch wenn sie kein Foto von mir zugeschickt bekamen. Denn: Beim dritten 36er-Film, den ich einlegte, hatte ich das Gefühl, die besten Fotos meines Lebens gemacht zu haben, auch wenn ich davor gerade mal zwei Filme vollgeknipst hatte. Als ich sie in ein Labor brachte, kam der Schock. Da ist nichts drauf, sagte der griechische Entwickler. Noch heute habe ich die Bilder und Menschen im Kopf, die ich damals fotografiert habe. Vielleicht waren es die paar Ouzo, die wir zusammen tranken, als wir über den leeren Film ins Gespräch kamen, die mir die Bilder ins Hirn brannten. Jedenfalls unterhielten wir uns zwei Stunden über Fotografie, NY, griechische Filmstars usw. Das tröstete etwas über die verlorenen Fotos hinweg. Trotzdem: Seitdem ist mir so etwas nicht mehr passiert.

Oh Mann, solche Erlebnisse bleiben in Erinnerung, das kann ich gut glauben. Und NYC ist wirklich ein Traum zum Fotografieren, das kann ich bestätigen.
Wie hast du dann den Sprung aus deinem damaligen Dasein zum freiberuflichen Fotografen geschafft?

Zufall! Wie so oft im Leben war es der Zufall, der mich zum freiberuflichen Fotografen gemacht hat. Durch Hochzeiten waren meine Fotos in der Gegend bekannt, durch Flickr weltweit. Damals, als ich noch regelmäßig Bilder bei Flickr hochgeladen habe, hatte ich jede Woche mindestens ein Foto, das es auf die Frontpage oder unter die beliebtesten Fotos geschafft hat. Man glaubt es nicht: Aber über Flickr habe ich viele nationale sowie internationale Anfragen reinbekommen. Britische und amerikanische Magazine wollten plötzlich meine Fotos drucken, spanische Reisemagazine ebenso, obwohl ich dort nie Fotos gemacht habe. Die Anfragen kamen von überall, später auch von Getty. Das alles blieb auch hier nicht unbemerkt. Eins kam zum anderen und plötzlich – ein bis zwei Beziehungen taten das Ãœbrige – arbeitete ich auch für namhafte Firmen in ganz Deutschland. Der Zufall, wie gesagt. Alles andere lief dann von allein.

Wie sieht mittlerweile ein normaler Arbeitstag bei dir aus, falls es dass überhaupt gibt? Wie viel Prozent deiner Arbeitszeit fotografierst du?

Seitdem ich eine feste Anstellung habe, gibt es tatsächlich einen fast geregelten Arbeitstag. Ich mache momentan nur Sport. Erst gestern sah es so aus, dass ich Ringen, Fußball, Volleyball und Basketball an einem Tag fotografiert habe. Das ist abwechslungsreich und macht sehr viel Spaß. Allerdings fehlt dann auch die Zeit, eine Sportart intensiver zu verfolgen. Sind zwei, drei gute Bilder im Kasten, geht es schon wieder zum nächsten Termin. Fotografie und Schreiben halten sich bei mir in der Waage. Die Hälfte der Zeit fotografiere ich, wofür ich mir auch wirklich Zeit nehme, weil ich eben aus der Sparte in den Beruf gerutscht bin und gewisse Anforderungen an mich selbst habe. Die andere Hälfte setzt sich aus dem Schreiben, dem Layouten der Seite, der Bildbearbeitung und dem Koordinieren neuer Termine zusammen. Nicht, dass mir das weniger Spaß machen würde und ich deswegen alles in die andere Hälfte meiner Arbeit packe. Es ist nur so, dass ich die fotografische Abwechslung ungemein genieße.

Das klingt ja wirklich nach einem recht ausgeglichenen Tag. Ich mag die Mischung aus aktiver Arbeit mit der Kamera und körperlich passiver Arbeit am Schreibtisch. Rein hypothetisch: Ich möchte mich in Richtung Fotojournalismus bewegen und für eine Zeitung/Magazin arbeiten. Was würdest du mir sagen oder raten? Wie geht man das pro aktiv an, wenn man nicht bei Flickr entdeckt wird?

Diese Frage bekomme ich sehr oft gestellt. Ich sage immer: Zeig den Leuten, was du machst. Woher sollen sie wissen, was du kannst, wenn sie nichts von dir sehen. Stell dir also eine kleine Mappe zusammen, geh zu der Zeitung deiner Wahl und zeig’ ihnen deine Arbeit. Das ist natürlich einfach gesagt, aber im Nachhinein habe ich schon oft gehört, dass es so geklappt hat. Das setzt aber auch voraus, dass man vorher mal Stadtfeste und interessante Termine von sich aus besucht und, ganz wichtig, die anderen Motive fotografiert. Denn viele machen nur das 0815-Zeug, das man täglich im Blatt sieht. Ãœber dich und deine Arbeit wird aber erst geredet, wenn du etwas Anderes machst.

Bewegen wir uns mal in die Technikecke.Welches Equipment nutzt du und was mich sehr interessiert, ist es dein privates?

Es ist mein privates Equipment, das ich nutze. Bisher. Ich bin schon gut ausgestattet zum Verlag gekommen. Deswegen brauche ich erst mal kein neues Equipment. Trotzdem gibt es aber so etwas wie einen Ausgleich für die Abnutzung meiner Sachen, die da wären: zwei Kameras (D700 und D7000) samt aller möglichen Objektive, von denen ich ein 17-35er am meisten für die Arbeit benutze. Ein 85er muss bei Porträts ran, ein 70-200er beim Sport. Einen Blitz habe ich natürlich auch immer dabei.

Interessant. Ich weiß, dass du Lightroom zur Verwaltung und Bearbeitung deiner Bilder nutzt. Wie viel Nachbearbeitung steckt in deinen Fotos für die Zeitung, bzw. wie viel darf drin stecken? Nimmst du die digitalen Daten mit nach Hause oder sind die sozusagen Zeitungseigentum?

Bei der Arbeit spielt Lightroom keine Rolle. Da arbeite ich mit Photoshop. Viel Nachbearbeitung steckt dann aber auch nicht in meinen Fotos. Ich versuche, gleich vor Ort alles richtig zu machen. Die Zeit, die bei der Nachbearbeitung draufgehen würde, stecke ich lieber in die Recherche für meine Artikel etc. Viel Nachbearbeitung ist sowieso nicht erlaubt. Ich war erst vor kurzem bei der Agentur dapd in Berlin. Ein Bekannter erzählte, dass sie erst  einen Fotografen gefeuert haben, weil er ein Foto gespiegelt hatte. Das sei nicht groß aufgefallen, weil keine Schrift o.ä. im Bild zu sehen gewesen sei, aber auch so etwas verfälscht die Wirklichkeit. Deswegen geht es nur ein bisschen an die Kontraste und Helligkeit. Mehr wird nicht gemacht, jedenfalls von mir nicht. Und wenn, dann wird es gekennzeichnet. Die Fotos sind sowohl Eigentum des Verlags als auch weiterhin meine Fotos. Jedenfalls ist das in unserem Haus so.

Okay, das klingt für mich auch logisch und nach der besseren Zeitverteilung.
Du hast mit Christoph Schupmann in der Vergangenheit schon mehrmals einen Lightroom Workshop gegeben. Plant ihr da für die Zukunft wieder was?

Wir planen neue Sachen, auch in Zusammenhang mit Lightroom. Momentan ist alles im Umbruch. Viel darf ich noch nicht verraten, aber wir wollen das Shooting an sich anders gestalten und später dann in die gezielte Bearbeitung mit Lightroom gehen. Version 4 verspricht ja einige Veränderungen, auch wenn die mir noch nicht zu weit gehen. 

Noch kurz zu Christoph: Er ist das perfekte Beispiel dafür, wie es über Flickr und Co. zu neuen Bekanntschaften und Möglichkeiten kommen kann. Vor Jahren haben wir uns auf Flickr getroffen und waren uns auf Anhieb sympathisch. Mails wurden hin und her verschickt, Fotos ausgetauscht, wir unterhielten uns über Fotografie… bis irgendwann die Idee im Raum stand, einen Workshop zu veranstalten. Inzwischen ist er ein Freund geworden, den ich nicht mehr missen möchte, sowohl im privaten Bereich als auch in Sachen Fotografie. Das Gute daran: Ich schätze Christophs Hochzeitsfotografie. Die ist um Längen besser als der Kram, der einen sonst so streift. Meinen persönlichen Hochzeitsfotografen habe ich also schon gefunden!

Ich entdecke Flickr für mich ja gerade erst wieder neu und bin gespannt was da noch so passiert. Sie haben ja einige Veränderungen für 2012 angekündigt.
Aber noch mal zu Lightroom. Was würdest du dir denn konkret für Version 4 wünschen?

Ich wusste, dass du diese Frage stellen würdest. Vielleicht komme ich erst mal zu den Dingen, die mir gefallen. Ich finde es gut, dass sie die ACR-Engine weiterentwickelt haben. Nichts, was ich sonst so sehe, schlägt das Entwickeln-Modul. Die Korrekturpinsel sind noch besser geworden. Von der noch weiter entwickelten Rauschreduzierung bin ich begeistert, auch wenn ich die nur selten nutze. Was mir fehlt wirklich fehlt, sind Verbesserungen in Sachen Slideshow. Ich muss immer noch zu Aperture oder iMovie greifen, um da ansprechende Sachen für meine Kunden – seitdem ich ein Kind habe und meine Bilder zeige, werde ich ständig für Baby- und Familienshootings gebucht – zu gestalten. Dass Adobe Video eingebaut hat, ist schön, aber zu rudimentär. Was soll man damit anfangen. Apple gibt uns seit Jahren Ken Burns und Adobe schafft es noch nicht mal, uns Ron Howard zu geben – das habe ich vor kurzem irgendwo gelesen und finde, dass es gut passt. Aber warten wir mal ab, was für Ãœberraschungen die finale Version für uns bereithält.

Du sprichst das Slideshowmodul an und ich werfe noch das Onlinegaleriemodul auf den selben Haufen.
Ich danke Dir für deine Zeit, Besim. Ich fand es sehr interessant einen Einblick in dein (Fotografie-)Leben zu bekommen und ich hoffe wir sehen uns bald mal wieder.
Abschliessend noch eine Frage: Wenn du zurück blickst, was würdest du aus heutiger Sicht deinem gerade mit Fotografie beginnenden Ich mit auf den Weg geben?

Meinem gerade mit der Fotografie beginnenden Ich?
Dem würde ich sagen: Mach es wie früher und nimm die Kamera jeden Tag zur Hand. Du musst ein Junkie sein. Stelle dich den Möglichkeiten, verzweifle an ihnen. Widme deine Zeit den Dingen, an denen du gescheitert bist. Und versuche sie wieder, noch öfter als damals und vielleicht auch noch öfter als heute.

Das hört sich für viele sicherlich weit weg an, es geht aber ums Probieren. Darum, den einen Moment beim Drücken des Auslösers zu finden, in dem alles stimmt. Dahin kommt man nur durch eben jenes Probieren, durch die Erfahrung, die sich daraus ergibt. Das würde ich meinem jungen Ich mit auf dem Weg geben.

Bis hoffentlich bald mal wieder. Danke.

Veröffentlicht am Samstag, 28. Januar 2012

Kommentare

  1. Stimmt, den gibts ja auch noch! Schon lange nichts mehr von Besimo im Internet gehört/gelesen, schon fast vergessen, dass es ihn gibt. Coole Fotos. Hoffentlich auch mal wieder mehr bei Flickr.

  2. Hey zusammen, freut mich, dass euch das Interview gefällt. Man selbst findet sich ja immer so langweilig. Aber es war schön, sich mit Martin zu unterhalten.

    Danke auch fürs Mitleiden :)